Rückblicke | 26.01.2008


foto_dieckmann„Vorgeschichten“ stellt Christoph Dieckmann seinem neuen Buch voran – jawohl, mehr als eine. Denn es gibt mehr als eine Erinnerung, mehr als eine Episode, mehr als eine Parabel, die zusammenhält, was der Journalist und „Zeit“-Autor zu erzählen hat. Der Band „Mich wundert, daß ich fröhlich bin“, aus dem Dieckmann bei der VollmOnd-Lesung des Hans-Fallada-Klubs Neustrelitz am 6. August im Hotel Schlossgarten lesen wird, enthält Texte aus den Jahren 2005 bis 2008. Und einmal mehr erweist sich Dieckmann dabei als Chronist deutscher Gegenwart abseits der ausgetretenen Pfade. So wie er im vermeintlich hundertfach Bekannten das Besondere ausfindig macht, vermeidet auch seine Sprache das hundertfach Beschriebene und zieht den Leser oder eben Zuhörer mit in ihren Sog. Denn wer Dieckmann lesen hört, hört Dialekte und Charaktere Gestalt annehmen, begegnet in dem nachdenklichen, klugen, sensiblen Beobachter auch einem exzellenten Interpreten seiner literarischen Reportagen.

Während im Jahr des Wende-Jubiläums fast alle Augen auf den Osten gerichtet sind, schaut Dieckmann in Hildesheim nach, wie das Jahr 1989 den Westen verändert hat. Die sommers von Ausflüglern überflutete Nordseeinsel Helgoland besucht er an einem sturmumtosten Wintertag (an Bord „grünt der Passagier“). Er huldigt verstorbenen „Evangelisten“ der ostdeutschen Sportreportergilde, erzählt von Neil Youngs schon Anfang 2006 in einem Songtext artikulierten Hoffnung „Maybe it's Obama“, begegnet Buchpreisträger Uwe Tellkamp zu Hause in Dresden (einst), zu Hause in Freiburg (jetzt), zu Hause bei Lesungen (immer mal), bürstet Wittenberg und Bayreuth gegen den Strich der Luther- und Wagner-Klischees. Immer wieder sorgt so der Meister der Vorgeschichte für Lese-Erlebnisse, die nachwirken.



[ Foto: Ch. Links Verlag]