Rückblicke | 07.02.2009


Zum dritten Mal erwärmt der Hans-Fallada-Klub eine winterliche Nacht mit Lesens- und Hörenswertem. Erneut laden sechs außergewöhnliche Schauplätze rund um den Marktplatz ein, satirischer, erotischer, "krimineller", fantastischer, lyrischer und in jedem Falle genussreicher Literatur zu lauschen, dargeboten von Autoren und vielen anderen lektürebegeisterten Strelitzern. 

So wird es in der Arztpraxis von Dr. Matthias Parpart unter dem Motto "Lesen & Ermitteln" wieder mörderisch spannend; im Basement verheißt das Motto "Lesen & Lieben" erotische Texte; der Wein-Welt-Laden lädt unter dem Motto "Lesen & Genießen" zu nicht nur kulinarischen Unternehmungen; im ISBW (an der Sassenstraße) entführen die Lesenden ihr Publikum unter dem Motto "Lesen & Träumen" in Fantasy-Welten; im Turmzimmer der Stadtkirche (Eingang von der Marktseite) ist unter dem Motto "Lesen & Sinnen" Lyrisches und Meditatives zu erleben; und im Disc-Vielfalter kommen unter dem Motto "Lesen & Spotten" die Satire-Fans auf ihre Kosten. Erfolgsleser des Vorjahres wie Marlies Steffen und André Gross mit ihren "Lokalspitzen" aus der Strelitzer Zeitung sind auch diesmal dabei, außerdem unter anderem Tänzerin Meike Hellmuth, Rechtsanwältin Sigrun Stahlschmidt, Pastor Reinhard Scholl und Mitglieder der Gruppe "strelitzfacetten".

Die Lesungen beginnen von 20 bis 24 Uhr jeweils zur vollen und halben Stunde. Sie dauern jeweils 20 Minuten, so dass 10 Minuten Zeit bleiben, um zum nächsten Ort zu ziehen oder bei einem Imbiss ins Plaudern zu geraten. Für den einmal entrichteten Eintritt von 5 Euro kann das Lese-Publikum den ganzen Abend lang unterwegs sein.


Marlies Steffen im Nordkurier, Strelitzer Zeitung, vom 9. Februar

Eine Reise in literarische Welten
Etwa 200 Gäste hören zu später Stunde rund um den Marktplatz Spannendes, Erotisches, Heiteres und mehr - bei Pfannkuchen und Sekt
"Ich geh' noch zu Sigrun in die Kirche" - wann hört der Mensch shcon mal abends um halb elf einen solchen Satz auf dem Marktplatz? Und wann gibt es am Tressen einer Arztpraxis Pfannkuchen und Piccolo-Sekt, ohne dass gleich Risiken und Nebenwirkungen heraufbeschworen werden? Möglich war das alles am Sonnabend in Neustrelitz.
Der Hans-Fallada-Klub hatte zu seiner nunmehr dritten Lesenacht geladen. Mehr als 30 Vorleser nahmen ihre Zuhörer mit auf kurze Reisen in sehr verschiedene literarische Welten. Die Veranstalter hatten dieses Mal sogar Wettergott Petrus mit im Boot. Denn es herrschte „Dichter Nebel“, der den Marktplatz in eine wabrig-graue Masse verwandelte, die auch jeder Edgar-Wallace-Grusel-Nacht alle Ehre gemacht hätte. Der Neugierde auf den Abend in einer immer noch veranstaltungsarmen Jahreszeit tat das keinen Abbruch – rund 200 Lesehungrige kamen.
An sechs Stationen um den Marktplatz wurde den Zuhörern zwischen „Lesen und Ermitteln“ in der Arztpraxis Parpart und „Lesen und Genießen“ im „Wein-Welt-Laden“ in der Seestraße Selbst- und Fremdgeschöpftes serviert. Im Turmzimmer der Stadtkirche las Dagmar Wenndorff eigene und andere Gedichte. Frank Pergande machte bei „Lesen und Ermitteln“ auf seinen historischen Krimi mit Lokalkolorit „Mitten ins Herz“ neugierig. Im Basement stellten die Strelitzfacetten eigene, teils erotische Texte vor. Ebenfalls dort kam auch Pastor Dr. Reinhard Scholl mit Charles Bukowskis „15 Zentimeter“ zu Wort. „Lesen und Lieben“ war das Thema dort. Vom lauten Lacher bis zum leisen Schmunzler ließen sich die Zuhörer im Disc-Vielfalter von Steffen Senge auch in diesem Jahr wieder gern mit Heiterem verwöhnen. Aus der satirischen Schatzkiste eines Ephraim Kishon las Rathaussprecherin Petra Ludewig. Gern zugehört wurde auch bei den Lokalspitzen aus der Strelitzer Zeitung, die die Redakteure Marlies Steffen und André Gross zum Besten gaben. Beim Bildungsträger ISBW (ehemals Dresdner Bank) ging es um Träume. Die Konzentration der Leseorte um den Markt – ein Publikumswunsch aus dem vergangenen Jahr – wurde allgemein für gut befunden. Im Basement hätte man sich beim Lesen mehr Ruhe vom parallel laufenden Kneipenbetrieb gewünscht. Im Turmzimmer der Stadtkirche beklagte mancher die kühlen Temperaturen. Indessen für 20 Minuten ließen sich wohl auch ein paar Härten aushalten. Nach dem Erfolg vom Sonnabend steht einer vierten Lesenacht im kommenden Jahr nichts im Wege, hieß es aus dem Hans-Fallada-Klub.

Michael Wittke in der Märkischen Allgemeinen vom 9. Februar:

Pastor liest Bukowski Kultur Neustrelitzer Lesenacht macht Appetit auf mehr

Pastor liest Bukowski - Neustrelitzer Lesenacht macht Appetit auf mehr
Samstagnacht las Reinhard Scholl, Pastor an der evangelischen Stadtkirche in Neustrelitz, aus dem Roman „15 Zentimeter“ von Charles Bukowski. Wer schon mal Berührung hatte mit einem dieser von deftigem Sex und harter Realität angereicherten Werke des amerikanischen Autors, erkennt sofort das Besondere an dieser prickelnden Konstellation.
Aber der „geistliche“ Vortrag war nur einer von 48 mit sehr unterschiedlichen gelesenen Texten. Von 20 Uhr bis Mitternacht lasen Bürgerinnen und Bürger im Halbstundentakt in Räumlichkeiten rund um den Neustrelitzer Marktplatz. Kneipe, Kirche, Arztpraxis und Bildungsinstitut, in solchen Unterkünften fanden jeweils zwei bis drei Dutzend Zuhörer Platz, mal gemütlich gedrängt und mal komfortabel verteilt.
Auf jeden Fall gut gelaunt in einer der bisher nebligsten Nächte dieses Winters. Da schickt man keinen Hund vor die Tür, aber wer sich am Samstag, wie auch einige Fürstenberger, ins nahe gelegene Mittelzentrum nach Neustrelitz aufmachte, wurde belohnt durch einen anregenden, gastlichen Abend.
Die Neustrelitzer Lesenacht ist nun schon zum dritten Mal vom Hans-Fallada-Klub veranstaltet worden. Vielleicht eine Beispiel gebende Idee auch für andere Gemeinden im Seenland.